Traum vom Tod
Die Hände so bleich
liegt ihr Körper leblos am Boden.
Die Haare voller Laub und Morast,
die Augen unnatürlich weit geöffnet
mit einem Ausdruck größten Entsetzens darin.
Seit zwei Tagen hat sie sich nun nicht bewegt,
nur ihr zerfetztes Festkleid
hat im gleichen Rhythmus wie die Blätter
am Baum über ihr im Wind getanzt.
Langsam, ganz langsam nur,
kriecht ein blauer Käfer aus ihrer Nase
und verschwindet etwas später wieder in ihrem Mund.
Doch unter der Schicht aus leblosem Fleisch
hört man noch ganz leise und frei von jeder Regelmäßigkeit
ein kleines Herz Blut durch den zarten Körper pumpen.
Bis plötzlich und vollkommen unerwartet
ein Zucken durch das Mädchen fährt
und mit einem tiefen Zug gelangt endlich wieder
kühle Morgenluft in die scheintoten Lungenflügel.
Und wenig später zeugt nur noch das Loch,
das im Laub am Boden zurück blieb,
von jenem unheimlichen Anblick...
Davids Traum vom Tod
Als David heute Nacht zu Bett geht,
wähnt er sich in heimatlicher Geborgenheit.
Und als er kurz darauf auch die Augen schließt,
zieht sich sein Geist in die Tiefen seinen Kopfes zurück.
Er sieht eine Wiese,
so grün wie auf einem perfekten Ölgemälde,
und dahinter befindet sich ein kleiner Wald,
dessen Bäume viele, viele Meter hoch in den Himmel ragen.
Die Sonne zeichnet sich bereits am roten Horizont ab,
ist jedoch noch nicht ganz aufgegangen.
Die Luft ist kühl und angenehm auf seiner Haut.
David schaut sich neugierig auf der Wiese um
und kommt schließlich auch
zu den ersten Bäumen des Waldes.
Das Jahr ist bereits vorangeschritten,
denn der Boden ist schon
mit bunten Blättern der Bäume übersäht,
die zusammen ein eingenes Kunstwerk
auf dem ansonsten so einfarbig grünen Bodens
dieser Landschaft malen.
Einzig ein kleiner Fleck scheint vom Laubwerk
verschont geblieben zu sein,
denn direkt unter einer großen Buche
ist wie eine Insel
ein Stück Wiese deutlich
im Meer aus Blättern zu erkennen.
Doch David scheint das nicht weiter zu stören,
er atmet stattdessen nocheinmal tief durch die Nase ein
und schaut in den Himmel.
Aber irgendetwas scheint nicht zu stimmen,
denn ein fauliger Geruch überwiegt
den ansonsten so frischen Duft dieses Morgens.
Und als er sich umdreht, blickt er
in die weit aufegrissenen Augen eines Mädchens.
David stockt der Atem, als er wahrnimmt,
was da vor ihm steht.
Das Kleid am Leib des Mädchens
ist an vielen Stellen aufgerissen
und überall hängen noch Blätter
in den einst sicher edlen Rüschen.
Ihre Arme hängen schlaff am Körper herab,
und ihre Haare sind zerzaust
und ebenfalls von Blättern durchsetzt.
Ihre Haut ist so blass wie David es noch nie
bei einem menschlichen Wesen gesehen hat.
Doch am Meisten erschüttern ihn diese Augen,
die, egal wie lange er sie auch anstarrt,
weder blinzeln noch diesen Ausdruck
reinsten Wahnsinns verlieren.
Er will etwas sagen,
doch bevor es ihm gelingt,
seinen Mund auch nur einen Spalt zu öffnen,
streckt die Gestalt einen Arm aus,
der nun langsam und unaufhaltsam auf ihn zu kommt,
er will schreien,
doch er bringt keinen Laut heraus,
er will rennen,
doch seine Füße bewegen sich nicht.
Er schließt die Augen
und plötzlich bricht doch noch ein Schrei aus seiner Kehle.
Als er die Augen wieder öffnet
findet er sich aufrecht sitzend in seinem Bett wieder,
schweisdurchnässt und zitternd.
Er machte den Rest dieser Nacht kein Auge mehr zu.
Und es heißt,
David soll seit jener Nacht
nie wieder der selbe gewesen sein...
Lisas Traum vom Tod
Lisa liest gerade wieder in einem ihrer Bücher,
so wie sie es jeden Abend zu machen pflegt.
Auf dem Buchumschlag ist ein Wesen zu sehen,
es hat vier Arme und sechs Augen
und das Maul weit aufgerissen,
sodass man viele Reihen spitzer Zähne darin erkennen kann.
Sie hat in ihrem jungen Leben
schon viele solcher Bücher in sich aufgesogen
und freut sich jedes mal darüber,
wenn ihre Haut vor Spannung so rau wird
wie die einer Gans.
Als sie schließlich die Brille
auf das Nachtkästchen neben ihrem Bett legt
und das Licht löscht,
ist ihr Kopf noch voller Gedanken,
doch mit einem Mal fällt sie in einen tiefen Schlaf.
Als sie die Augen wieder öffnet,
steht sie mitten auf einer Wiese,
doch irgendetwas stimmt nicht,
sie trägt ein prachtvolles Kleid,
es ist an vieles Stellen aufgerissen
und scheint einige Zeit im Dreck gelegen zu haben.
Sie blickt auf ihre Hände
und kann ihren Augen nicht trauen,
sie sind bleich wie die einer Leiche
und auch ihre Form scheint sich verändert zu haben.
Auch ihre Haare scheinen nicht die ihren zu seien,
sie sind zerzaust und voller Blätter.
Sie versucht sich zu bewegen,
doch ihr neuer Körper reagiert in keinster Weise auf ihre Versuche.
Einzig die Augen scheinen auf sie zu hören,
obgleich sie es auch nicht fertig bringt, zu blinzeln,
obwohl sich ihre Augen bereits wie ausgetrocknet anfühlen.
So blickt sie sich verzweifelt
an jenem fremden Ort um.
Die Sonne ist gerade im Begriff aufzueghen
und es weht ein anhaltender Lufthauch über die Wiese.
In einiger Entfernung geht das Gras
in einen kleinen Wald über,
dessen Bäume bereits viele Blätter verloren haben.
Mit einem Mal beginnen ihre Beine, zu laufen,
langsam torkelnd und dennoch vollkommen lautlos
geht sie nun über die Wiese auf den Wald zu.
Als sie sich dem Waldrand nährt
erspäht sie eine Bubengestalt,
die ihr den Rücken zukehrt
und verträumt in den Himmel schaut.
Sie will etwas rufen,
doch sie ist nicht in der Lage,
die blauen Lippen zu öffnen,
die sie nun ihr eigen nennt.
So schleicht ihr fremder Körper immer weiter,
bis sie schließlich direkt hinter dem Jungen steht,
der plötzlich den Blick vom Himmel abwendet
und sich verwundert umdreht.
Lisa kann nicht anders als ihn stumm anzustarren,
während er vor Überraschung und Angst die Augen weit aufreißt.
Eigentlich hat sie damit gerechnet,
dass er wegrennen würde,
doch er bewegt sich kein Stück.
Er steht nur da völlig regungslos
und ganz offensichtlich zu Tode geänstigt.
So vergeht eine Weile,
die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt,
bis dann ihr Arm ganz unerwatet
und wie von Geisterhand anfängt,
sich zu heben und sich dabei den Jungen zu nähern.
Sie erkennt grenzenlose Panik in seinen Augen
und versucht mit aller Macht,
ihre Hand aufzuhalten.
Kurz bevor diese ihn berührt,
schließt er die Augen.
Lisa versucht es ihm gleich zu tun,
doch ihre Lider scheinen nach wie vor tot zu sein.
Und in dem Moment,
indem ihre Fingerspitze den Jungen berührt,
wird alles schwarz um sie herum,
sie glaubt noch,
einen markerschütternden Schrei zu hören,
bevor sich das Schwarz um sie wieder legt
und sie sich in ihrem Bett wiederfindet...
War dies also nur ein einfacher Traum,
ein Stück Phantasie, aus einem Buch aufgesaugt?
Es heißt jedenfalls,
dass Lisa sich seit jener Nacht für immer verändert hat..

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