"Müde Beine,
viele Steine,
Aussicht keine,
Heinrich Heine." (Heine, ca. 1813, Brocken, Gästebuch)
Heine kömmt in die Walhalla,
der Deutschen großer Ehrenschrein;
seine Büste könne man
begaffen ab Zweitausendneun.
Ausgrechnet ihn erwählten
die verquasten Heimatleuchten,
die vormärzliche Spottdrossel,
den Kritikus des Deutschen.
Zur Förderung des Teutschen Sinnes *
soll auch Heines Konterfei(n),
den Parthenon der Deutschen zieren,
und Immendorf hat schon den Stein.
Jörg Café Deutschland Immendorf,
hardcore Teilungsüberwinder,
hat besten Marmorstein aus Laaser,
Bauklötzchen für Teilungskinder.
Er wähnt in Heine den Bruder im Geist,
der wie er, mit zartem Gefühle,
an der deutschen Zerrissenheit litt,
im fernen Pariser Exile.
Als wäre am Ufer der Seine
der Lieben daheim zu gedenken,
dasselbe wie als Patridiot
die Deutschlandfahne zu schwenken;
oder für Groß- und Kleinstaaterei
nur Abscheu und Ekel empfinden,
in etwa so, als könne man nur
Deutschlands Teilung nicht verwinden.
Und zieht mit spitzem Preußenpickel
zieht Immendor durch Heines Fratz,
schwarz-rot-goldig eine Naht, dass
sie zur Deutschlandkart' zerkratzt.
Als gälte es mit harten Schlägen
in den Marmor einzumeißeln,
dass sich längst erledigt hat,
Heines garst'ges Vormärzbeißen;
dass solche Gegnerschaft zum Staate
heut' schon deshalb obsolet,
weil nach Immendorfscher Lesart,
Café Deutschland drüber steht.
Da brüllen die Trometten,
es klagt die Kirchturmuhr;
Goethe schweigt, doch Luther flucht:
"Der Hundsfott kommt nach hier?!
Der Jud, der Auswurf soll bei uns
Gotts gerechten Kindern harren?
Der Geizwanst wird mit seynem Huf
Löcher in den Boden scharren,
dass aus tiefstem Höllenschlund
Magogs Bosheit herausschlage;
den Teufel - und die Pestilenz:
das brachte uns die Judenplage!
Allweil hat der Lump sein Herre bestänkert,
hat Gottes Wort verspott;
itzo darf man ihn nicht ehren,
nein, schlagt ihn nochmals tot!"
Egmont Stoiber schert das wenig,
heute ist die Zeit der Myrten,
endlich ist der Tag gekommen,
heimzuholen den Verirrten.
Einst verstoßen, nicht verloren,
wird dies Zeichen nun gesetzt;
"Harry" wurde, als es Not tat,
damals, durch das Land gehetzt.
Ja damals, als es nötig war,
ward er freilich kujoniert;
heut' nützt es mehr, wenn man den Jud
zum Ehrenkasper aufpoliert.
Da jauchzen die Trometten,
die Loreley erbebt,
die Trommel wird geschlagen,
das Leichentuch gewebt;
ein nämliches, wie er dereinst
in seinem Weberlied gewoben
und über Deutschland ziehen wollte,
wird nun über ihn gezogen.
Die Kanaillen triumphieren.
Stolz sind sie. Soll'n sie's doch sein.
Nur stellt gefälligst euresleichen
in euren Ehremmeiler rein.
Erst kürzlich hat sich Günter Grass
biographisch angeboten;
den könntet ihr doch rüber schaffen
zu den hochverehrten Toten.
Grass, ein echtes Teilungskind,
hat Deutschlands Teilung durchlittten,
iohm steht die Immendorfsche Naht
breit in sein Gesicht geschnitten.
Nicht einmal die obligate
Pfeife würde ernstlich stören,
deutschen Mief als Seelenbrot
deutscher Künstler zu beschwören.
Oder packt in leitkuturlich
oscarfaktisch unter Firnis,
Nazirunen, Marschgetrommel -
das passt zu deutschen Ehrenhirnis.
1. Nachruf auf den Vorruf
Immendorf war's nicht vergönnt,
Heines Büste zu zerkratzen,
eilig ward er abberufen
zu den Ewigkeitsmatratzen.
Mit großem Pomp und viel Trara
trug man ihn zu Grabe,
der deutsche Zeitgeist stellte sich
auf zur Totenklage.
Es fanden sich passende Grabredner ein,
nicht zuletzt Altkanzler Schröder,
und es nahm Abschied vom schrillen Freund,
der Straßen- vom Kunstköter.
2. Nachruf auf den Vorruf
Es ist vollbracht! Zweitausendzehn
hat man ihn als Büstenhinkel
eingestellt in Nachbarschaft
zu den anderen Ruhmessimpeln.
Gerresheim, der fromme Steinmetz,
der nur Leidensbildchen kann,
folgte seinem Drang und stellte
Heine dar als Schmerzensmann.
Die Augen auch nicht geradeaus,
wie sich das gehört für zahme
deutsche Zuchtochsen; nach links
guckt er, der Unbeugsame.
So schätzt man Heine allenthalben,
beim Gegner, auch beim Freundeskreis:
kaputt und dennoch ungebrochen,
das ist sein Lagereinstandspreis.
* Ludwig I., König von Bayern, 1842, aus der Rede zur Eröffnung der Walhalla.

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