Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlussleuchten rasch kleiner wurden.
Der Mann machte einen tiefen Zug, dabei flammte die Glut hell auf und ließ sein angst – erfülltes Gesicht für einen Moment aus den Schatten der irrealen Bahnhofshalle auftauchen. Er war sehr nervös. Wieder hatte er es geschafft, nicht in den Zug einsteigen zu müssen, wieder hatten ihn diese Dinger, in den schwarzen Gestapomänteln nicht gesehen.
Doch wie lange würde das noch so gehen?
Wann würden sie ihn erwischen? Heute jedenfalls nicht!
Die Rücklichter des Zuges waren nun in der rabenschwarzen Wand des Nichts verschwunden. Nichts erinnerte ihn mehr daran, das der Zug überhaupt existiert hatte. So wie er eingefahren war, so war er auch wieder verschwunden.
Diese armen Schweine! Was wohl aus ihnen werden würde? Er wusste es nicht, er wusste ja nicht einmal in was für einen Schlamassel er selbst steckte. Er wusste nicht wo er war, wann er war, oder gar wer er war. Er wusste nur eins: Er durfte auf keinen Umständen in den Zug steigen!
Er rauchte noch eine kurze Weile, bis er wieder sicher war, dass niemand auf dem Bahnsteig stand. Er war alleine, mit sich und seiner Zigarette, die seltsam hell glomm und einen Teil der Halle sichtbar machte. Hinter ihm knirschte etwas. Der Schreck fuhr ihm in die Knochen und der Qualm seiner Zigarette brannte brodelnd in seiner Lunge. Er hustete und sah die Gestalt aus dem Schatten treten.
„Hey Karl!“ grunzte der Fremde. „Hey Mann, haben sie dich wieder nicht erwischt?“
Karl? Sollte das sein Name sein? Er wusste es nicht, es war aber auch einerlei, der Name war so gut wie jeder andere. Karl machte einen Schritt zurück und zog sein Zippo aus der Manteltasche. Die Flamme erhellte das Stück…Welt um ihn herum und er sah, dass der Fremde ein Mensch war. Ein Mensch? War er selbst ein Mensch? Er hoffte es, - nein – er wusste es!
„Oh, haste noch Licht? Hä! Hä! Hatte ich zu Anfang auch noch. Geh sparsam damit um!“
„Woher kennen Sie meinen Namen?“ Karl löschte die Flamme und das abgemagerte Ge- sicht des Fremden verschwand wieder in der Dunkelheit.
„Ist mir gerade so eingefallen! Haste auch einen für mich?“
Karl antwortete nicht.
„Nee? Is’ ja auch egal! Hab dich die letzten… äh – sollen wir Tage sagen? – gesehen. Hast dich gut vor ihnen versteckt. Mich selbst hätten sie schon fast zwei Mal erwischt. Aber du bist ja noch nicht lang hier.“
„Wo ist hier?“
„Na hier! Weiß nich! Irgendwo! Weißte irgendwas?“
Karl schüttelte den Kopf.
„Ich auch nich. Bin einfach hier. Weiß nur, dass ich nich in den Zug will! Und diese widerlichen Ungeheuer dürfen mich nich anfassen.“
„Was sind das für Wesen?“
„Habe gehört, dass die sich selbst Treiber nennen. Na, ja sie treiben uns. Hä, hä! Hu, hu! Die Menschen nennen sie Vieh und das Vieh nennt sie Master. Das hab ich selbst gehört. Kannste mir echt glauben Mann! Karl!
Der Mann, der Karl genannt wurde, setzte sich auf eine Bank, deren Umrisse aus der Dunkelheit hervor stachen. Sein neuer Freund folgte ihm.
Nach einer Weile fragte er ihn: „Wo sind wir hier? Was ist das für ein Ort?“
„Der Bahnhof der Hölle, würde ich mal sagen!“ Der Mann lachte. „ Auf jeden Fall ist das passend. So viel Vieh und Treiber, das muss die Hölle sein!“
„Wie lange bist du schon hier?“
„Nach zwölf Betriebstagen habe ich aufgehört zu zählen. Doch das ist schon eine Ewigkeit her.“
Seine Stiefel knirschten in der Finsternis über den Asphalt.
„Krieg ich eine Fluppe?“
Karl starrte ihn von der Seite her an, erkannte aber nicht viel, außer das Glänzen seiner Augen, das ihm nicht wirklich gefiel.
„Du hast doch gesagt, ich soll sparsam sein!“
„Sehr gut! Doch wenn sie dich morgen, oder so, kriegen, schmeiß das Feuer und die Fluppen einfach auf den Boden. Ich finde sie dann schon.“
Ein netter Gefolgsmann!
Die Beiden saßen Stunden, Tage, oder sogar Monate, Karl hatte sein Zeitgefühl total verloren, auf der Bank und schwiegen.
Dann brach Karl das Schweigen. „Was geschieht wohl mit ihnen, wenn sie den Zug besteigen und ihn dann irgendwo wieder verlassen müssen?“
„Das kann ich dir sagen!“ Der Fremde lachte bitter. „Sie haben große Angst. Sie wissen nichts, sie werden fast verrückt. Das kannst du fast riechen. Sie kennen sich nich , sie kennen niemanden! Ihre Kleidung wird ihnen herunter gebrannt, dabei werden sie leicht angekokelt. Die Haut verbrennt leicht. Wenn sie dann angekommen sind, ist ihre Haut so heiß, wie der Panzer eines Hummers. Man könnte sagen, sie sind gedünstet. Hä, hä! Aber das ist noch nicht das Schlimmste! Milliarden kleiner Häkchen dringen in ihre Haut und sie wird ihnen vom Fleisch gerissen. Doch auch das ist noch nicht das Schlimmste, denn ….“
„Ich will’ s nicht hören! Woher weißt du das alles? Willst du mir Angst machen?“
Das Gesicht des Fremden kam näher und Karl roch den verwesenden Atem des Mannes.
„Weil ich schon so oft dabei gewesen bin!“
Eine Natriumdampflampe warf einen Lichtkegel auf die Zwei und das Gesicht des Fremden veränderte sich. Die Haut löste sich von den Knochen, das Gebiss wurde riesig und scharf. Eine Art Leder legte sich über die blutenden Überreste, was einmal ein Gesicht war und die Augen wurden glutrot. Der Mann, der gar nicht Karl hieß, sah, dass der Fremde auch einen Gestapomantel trug. Er war ein Treiber!
„ Du willst wissen, wer das Vieh ist? Wer du bist?
Wegen Euch existieren wir! Wir sind die Hölle der Mörder! Kindermörder, Frauenmörder, raffgierige Mörder! Alle kommen hier hin! Um etwas von der Angst zu verspüren, die sie ihren Opfern zugefügt haben.“
Karls Herz blieb fast stehen. Das Ding, der Treiber, faste einfach in ihn hinein und zerdrückte alle lebenswichtigen Organe in ihm. Doch Karl starb nicht.
„Du bist schon tot!“
Er packte ihn wie einen alten Sack voller Knochen und warf ihn auf die Ladefläche eines Führerwagens, der auf den Schienen gewartet hatte. Das Monster klaubte das Päckchen Zigaretten und das Zippo aus Karls Tasche. Es holte ein Stäbchen heraus und zündete es sich an. Gemütlich ging es davon.
Der Führerwagen fuhr in das finster Nichts.
Copyright 2003 by Michael Betten

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